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Enya – And Winter Came
So wie Enyas Song „Only Time“ zur Hymne der von den Anschlägen vom 11. September Betroffenen wurde, so wird sich auch das neue Album der irischen Musikerin zum Klassiker entwickeln. Man braucht keine prophetischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, dass „And Winter Came“ ab diesem Jahr zu den Alben gehören wird, die auf der ganzen Welt regelmäßig an Weihnachten gespielt werden.
Den Plan, ein Weihnachtsalbum zu machen, hatte Enya schon vor langer Zeit gefasst. Aber sie schob die Arbeit daran immer wieder auf. Andere Projekte, wie die letzte CD „Amarantine“, auf der sie in einer von ihrer Texterin Roma Ryan eigens entwickelten Sprache, dem Loxian, sang, kamen dazwischen. „Außerdem wollte ich genügend Zeit, um mit dem Thema zu leben, mir Gedanken zu machen, wie mein Weihnachtsalbum klingen könnte“, erklärt die 47jährige Sängerin. Den Gedanken, nur traditionelle Christmas Carols neu zu interpretieren, verwarf sie schnell. Als sie dann die ersten Songs ihres neuen Albums „And Winter Came“ fertig hatte, stellte sie fest, dass sich die neuen Melodien durchaus nicht nur auf weihnachtliche Stimmungen beschränkten.
„Die Songs, die ich schrieb, beschäftigten sich mit dem Winter, nicht nur mit Weihnachten.“ Sie sei darüber nicht glücklich gewesen, erzählt sie, aber Roma habe sie ermutigt: „Verbinde die beiden Stimmungen einfach miteinander. Schließlich liegt Weihnachten im Winter.“Die erste Single „Trains and Winter Rains“ mit ihrer treibenden Percussion gehört zu diesen Winterliedern. Der Song klingt ungewöhnlich modern für Enyas Verhältnisse. „Es ist ein sehr nachdenkliches Stück, über die Phase im Jahr, in der man auf die letzten Monate zurück sieht und überlegt: ‚Was hätte ich besser tun können? Was möchte ich in meinem Leben verändern?‘ Es ist wie eine Reise ins Ungewisse. Das Ganze hat auch etwas Dunkles. Aber andererseits ist diese Reise auch aufregend.“
Das neue Werk entstand wieder im Aigles Studio, das in der Nähe von Dublin und nur wenige Minuten von Enyas Haus entfernt liegt. Sich auch im Sommer für die Studiosessions in die richtige Winterstimmung zu versetzen, machte Enya keine Probleme. „Wenn ich im Studio bin, konzentriere ich mich auf die Arbeit. Dann ist es mir egal, was draußen los ist“, erklärt sie. „Außerdem hatten wir dieses Jahr eh keinen Sommer.“
Die Musikerin, die unter dem Namen Eithne Patricia Ní Bhraonáin als sechstes von neun Kindern zur Welt kam, trennt Arbeits- und Privatleben sehr streng. „Ich würde niemals zuhause Songs schreiben. Mein Privatleben ist mir heilig. Nur so ist es mir möglich, komplett in eine andere Welt einzutauchen, wenn ich im Studio an meiner Musik arbeite.“
Die 47jährige lebt sehr zurückgezogen in ihrem Schloss in der Nähe von Dublin. Die Anregungen zu ihrer sphärischen, meditativen Musik, die immer so klingt, als sei die Sängerin nicht ganz von dieser Welt, holt sie sich in ihrem Domizil: „Ich liebe mein Schloss so sehr. Der Blick ist spektakulär. Er inspiriert mich. Er verändert sich von Minute zu Minute. Ich sehe übers Meer, bis zum Horizont. Mal ist es sonnig, mal wolkig, mal scheint der Mond.“ Enya nannte ihr Domizil Manderlay Castle, nach einem Ort in dem Roman „Rebecca“ von Daphne du Maurier.
Literatur spielt eine wichtige Rolle in Enyas Leben und beeinflusst auch immer wieder ihre Arbeit. Der Song “The Spirit of Christmas past” wurde beispielsweise von Charles Dickens Werk „A Christmas Carol“ inspiriert. „Meine beiden Kreativpartner Nicky und Roma Ryan lieben Dickens ebenso wie ich. Wir ließen den Song eher wie ein traditionelles Weihnachtslied klingen“, sagt Enya, „allerdings mit meinem ganz eigenen Stil. Ich wollte die Weihnachtsmusik für das 21. Jahrhundert schaffen.“
Das Stück “Stars and Midnight Blue” war zwar eigentlich von Roma Ryan als romantische Geschichte über zwei Liebende gedacht, die bis an ihr Lebensende zusammen halten. Doch Enya und Nicky Ryan interpretierten einen eher traurigen Schluss in den Text. “Am Ende sind beide tot und nur über die Sterne miteinander vereint“, lautet Nickys Version – Sie zeigt, dass sich das Team nicht immer einig ist, was die Auslegung der Musik und der Texte betrifft. „Diese Freiheit macht sich auch in unserer Musik positiv bemerkbar“, meint Nicky.
Der Produzent und Arrangeur hatte großen Anteil an der besonders gelungenen Version des Liedes „Oíche Chiúin“, der gälischen Interpretation von „Stille Nacht“. Er nahm Enyas Stimme mehrfach auf, legte die Schichten übereinander und erzeugte so das, was er den „Choir of one“ nennt. Auch das wird ganz sicher wieder ein Klassiker.
von Christiane Rebman